Dokumentation & Zeitgeschichte

Einzelschicksale & Biografien

Gedenkprojekt Flörsheim am Main | Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft

Hinter den im Flörsheimer Straßenpflaster eingelassenen Messingsteinen und der Stolperschwelle stehen persönliche Lebenswege und Familienschichten. Anhand erhaltener Primärquellen, Archivunterlagen und Zeitzeugenberichten stellt diese Seite Einzelschicksale der verfolgten und ausgebeuteten Bürgerinnen und Bürger unserer Heimatstadt vertiefend vor.

Im Fokus • Zwangsarbeiter & NS-Ausbeutung • Stolperschwelle

Maxim Kiriljuk

* 11. August 1913 in Hubnyk (Ukraine) — † 26. März 1945 in Bad Weilbach

Recherche & Text: Peter Vogel
Gemeinschaftslager Bad Weilbach
Gemeinschaftslager Bad Weilbach

Stammdaten zur Person

Geburtsort: Hubnyk (Region Winnyzja, Ukraine)
Status: Verschleppter Zwangsarbeiter (in NS-Akten als „russischer Ostarbeiter“ deklariert)
Lagerunterbringung: Zunächst Lager Mainzer Straße (Opelwerke Rüsselsheim), ab Mai 1943 Gemeinschaftslager Bad Weilbach
Zwangsarbeit für: Eisenbearbeitungsbetrieb J. Saar o.H., Flörsheimer Landwirte und Kleinbetriebe, Einsatz als Flakhelfer
Namensschreibweisen: Maksim Kirilijuk, Maxim Kiriluk
Todesdatum: 26. März 1945 (im Alter von 31 Jahren)
Todesort: Bad Weilbach
Todesursache: Durch amerikanischen Artilleriebeschuss getötet (Schutzräume für Zwangsarbeiter untersagt)
Gedenkort: Stolperschwelle für Zwangsarbeiter in Flörsheim am Main

1. Verschleppung und die Topografie der Ausbeutung

Maxim Kiriljuk wurde am 11. August 1913 in Hubnyk in der Ukraine geboren. Anfang 1943, als die deutsche Rüstungsindustrie eklatanten Mangel an Menschenmaterial aufwies, wurde er gewaltsam in das Deutsche Reich verschleppt. Sein Leidensweg führte ihn als sogenannten „Ostarbeiter“ zunächst in das Lager Mainzer Straße der Opelwerke in Rüsselsheim. Im Mai 1943 wurde er in das Gemeinschaftslager nach Bad Weilbach überführt. Er war einer von über 1.400 Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, die auf mindestens neun zentrale Lager im gesamten Stadtgebiet von Flörsheim und Weilbach verteilt waren. Diese Ausbeutung fand keineswegs versteckt statt, sondern bildete das ökonomische Rückgrat der Region. Die Gefangenen wurden in requirierten zivilen Einrichtungen wie der Jahnturnhalle, den Gastwirtschaften „Zum Mainblick“ und „Zum Taunus“ oder dem „Kartäuser Hof“ zusammengepfercht. Maxim Kiriljuk schuftete für den Rüsselsheimer Zulieferbetrieb Saar, wurde an lokale Bauern verliehen und zuletzt sogar als Flakhelfer eingesetzt. Seine Arbeit fand mitten in der bürgerlichen Gesellschaft und auf den Straßen Flörsheims statt – begleitet vom alltäglichen Klappern hölzerner Schuhe auf dem Kopfsteinpflaster.

2. Der zynische Alltag und die bürgerliche Kälte

Die Verwaltung dieses Unrechts oblag dem Flörsheimer Rathaus unter NSDAP-Bürgermeister Dr. Ludwig Stamm, wo die Zuteilung der Menschen mit bürokratischer Präzision organisiert wurde. Die einheimische Bevölkerung arrangierte sich vielfach mit der Anwesenheit der Sklavenarbeiter oder profitierte direkt davon, während Empathie in der rassistisch indoktrinierten Volksgemeinschaft keinen Platz hatte. Wie tief die moralische Abstumpfung reichte, dokumentiert eindrucksvoll ein erhaltenes Beschwerdeschreiben eines Flörsheimer Bürgers vom Juli 1943. Als Anwohner des „Kartäuser Hofs“, in dem rund 50 ukrainische Zwangsarbeiter der Firma Saar unter katastrophalen hygienischen Bedingungen lebten, klagte der Verfasser nicht über deren Leid, sondern über die Belästigung durch den „Fünfzigmanngestank“ in seinem Schlafzimmer und den Lärm der Latrinentür, die er als „Kanonenschlagtür“ bezeichnete. Die Gefangenen wurden in der Wahrnehmung der Bürgerschaft zu einem bloßen olfaktorischen und akustischen Ärgernis herabgestuft.

Historisches Dokument Anwohnerbeschwerde 1943

Aus dem Beschwerdebrief an das Gesundheitsamt

„Am leichtesten ist wohl die Kanonenschlagtür, die durch Mark und Bein geht, zu den Sitten einer anständigen Aborttür zu bekehren. Sodann muss ein Ventilator eingebaut werden, damit der Fünfzigmanngestank nach dem Himmel abzieht und nicht in die Schlafstuben der Nachbarschaft. […] Es ist gelinde gesagt, Schweinerei. Wenn nur die Fenster geschlossen bleiben könnten und die Kanonenschlagtür gebändigt würde, dann wollte man sich schon mit seiner Beschwerde bescheiden. Heil Hitler.“

Auszug aus dem Beschwerdebrief eines Anwohners an das Gesundheitsamt, 4. Juli 1943

3. Ein tragisches Ende und die Vernichtung der Erinnerung

Das Ende von Maxim Kiriljuk offenbarte die ganze Konsequenz der NS-Rassenideologie. Während der vorrückenden Frontlinien im März 1945 war den „Ostarbeitern“ der Zutritt zu den Luftschutzbunkern der einheimischen Zivilbevölkerung oft strengstens verboten. Am 26. März 1945 – nur wenige Tage bevor amerikanische Truppen Flörsheim befreiten und das NS-Regime zusammenbrach – wurde der schutzlose Kiriljuk im Alter von 31 Jahren durch amerikanischen Artilleriebeschuss in Bad Weilbach getötet. Er wurde nahe dem Lagergelände in fremder Erde verscharrt. In der Nachkriegszeit folgte die Phase der administrativen Verdrängung: Gräber von Zwangsarbeitern und deren in den Lagern verstorbenen Kleinkindern wurden im Zuge bürokratischer Neudefinitionen und „Friedhofsbereinigungen“ oft physisch abgeräumt oder getilgt. Erst Jahrzehnte später wurde mit der Verlegung einer Stolperschwelle das Schweigen über die Zwangsarbeit im öffentlichen Raum gebrochen. Das Schicksal von Maxim Kiriljuk und das seiner namenlosen Mitgefangenen steht heute als Mahnung für das allgegenwärtige Unrecht inmitten der Flörsheimer Nachbarschaft.

Quellennachweis & Dokumentation zu dieser Biografie:
  • Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution (ITS Bad Arolsen)
  • Ancestry (Digitalisierte Sterberegister, Personenstands- und Transportunterlagen)
  • Standesamt Weilbach (Sterbeurkunde Nr. 4/1946) & Standesamt Flörsheim am Main
  • Archiv Memorial Russland
  • The National Collection of Aerial Photography (NCAP), Schottland / UK (Historische Luftbilder)
  • Krause-Schmitt: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945 (Studienkreis Deutscher Widerstand)
  • Gesundheitsamt im Landratsamt des Main-Taunus-Kreises: Historische Beschwerdeakte vom 04.07.1943 (zitiert nach Peter Becker: Anmerkungen zu Mirjam)
  • Stadtarchiv Flörsheim am Main (Lagerübersichten & Verwaltungsakten)
  • Historische Bildersammlung Paul Flesch (heutiger Besitz: Michael Petry, Flörsheim am Main) & Dokumentenarchiv Flörsheimer Kriegschronik (Heinz Peter Vogel)

Weitere Biografien & Lebenswege

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Porträt Dr. Max Schohl
Verfolgter & Opfer der Shoah • Erste Verlegung 2018

Dr. Max Schohl

* 15. November 1884 in Pirmasens — † 1. Dezember 1943 im KZ Auschwitz

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Recherche & Text: Peter Vogel

Stammdaten zur Person

Beruf & Wirken: Promovierter Naturwissenschaftler / Analysechemiker, Inhaber der Chemischen Fabrik Nassovia / Electro, Vorsteher der jüdischen Gemeinde Flörsheim
Militärischer Rang: Hauptmann der Reserve a. D. (17. Kgl. Bayer. Infanterie-Regiment, Rekruteneintritt 1907, Leutnant der Reserve 1911)
Kriegsauszeichnungen: Eisernes Kreuz I. und II. Klasse, Bayerischer Militärverdienstorden mit Schwertern (B.M.V.O.), Verwundetenabzeichen (zweimal schwer verwundet)
Wohnsitz Flörsheim: Albanusstraße 2 (Wohnhaus gegenüber dem Werksgelände im Neuwingertsweg)
Familie: Verheiratet mit Frieda Luise („Liesel“) Gims; Töchter Hela (* 1920) und Käthe (* 1923); zwei Brüder (Oskar und Arthur) fielen im Ersten Weltkrieg
Verfolgung & Haft: Wirtschaftsboykott, Zwangskonkurs 1935; Schutzhaft im KZ Buchenwald nach Pogromnacht 1938; Gestapo-Meldepflicht; Gestapo-Haft in Jugoslawien
Deportation & Tod: August 1943 ins KZ Auschwitz deportiert; dort am 01.12.1943 ermordet (offizieller Totenschein verschleiernd auf „Herzmuskelschwäche“ datiert)
Gedenkort: Stolperstein vor dem Wohnhaus Albanusstraße 2; Benennung der Dr.-Max-Schohl-Straße in Flörsheim am Main

1. Unternehmer, Frontoffizier & Wohltäter der Stadt

Dr. Max Schohl wurde am 15. November 1884 in Pirmasens als Sohn des Ledergroßhändlers Julius Schohl geboren. 1907 promovierte er in Naturwissenschaften und trat im selben Jahr als Einjährig-Freiwilliger in die bayerische Armee ein. 1911 ernannte ihn König Otto von Bayern zum Leutnant der Reserve. Bei Kriegsausbruch 1914 meldete er sich freiwillig und zog mit dem 17. Bayerischen Infanterie-Regiment an die Front. Er stieg bis zum Hauptmann auf, führte seine Kompanie durch das Trommelfeuer der Somme-Schlacht und wurde bei den Kämpfen in Flandern sowie an der Spitze seiner stürmenden Einheit zweimal schwer verwundet. Für seine Tapferkeit erhielt er das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse, den Bayerischen Militärverdienstorden mit Schwertern und das Verwundetenabzeichen. Seine beiden einzigen Brüder, Oskar und Arthur, kehrten aus dem Ersten Weltkrieg nicht zurück.

1919 übernahm Dr. Schohl die Chemische Fabrik in Flörsheim am Main (später Firma Electro), heiratete Frieda Luise („Liesel“) Gims und bezog das Anwesen Albanusstraße 2. Mit über 150 Beschäftigten zählte sein Betrieb zu den wichtigsten Arbeitgebern der Stadt. In den schweren Krisenjahren zahlte er Löhne in stabiler Devisenwährung aus, um seine Arbeiter vor der Inflation zu schützen. Als Vorsteher der jüdischen Gemeinde engagierte er sich herausragend sozial: Er eröffnete 1929 eine Volksküche für Bedürftige in der Kirchschule, finanzierte Schulspeisungen und verteilte Brennstoff, Kleidung und Lebensmittel an arme Flörsheimer Familien.

2. Entrechtung, Pogrom und der Protest an den Kyffhäuserbund

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten setzte die gezielte Zerschlagung seiner bürgerlichen und wirtschaftlichen Existenz ein. Unter dem Flörsheimer NSDAP-Bürgermeister Dr. Ludwig Stamm wurden die Wohlfahrtseinrichtungen geschlossen und die Fabrik als „nicht-arisch“ boykottiert. Im Juni 1935 folgte der Konkurs, 1937 wurden die Werksanlagen gesprengt. Am 6. November 1933 richtete Dr. Max Schohl aus der Albanusstraße 2 einen flammenden, zweiseitigen Protestbrief an den Bundesführer des Kyffhäuserbundes, General der Artillerie a. D. v. Horn in Berlin. Nachdem er als sogenannter Nichtarier aus dem Krieger- und Militärverein Flörsheim/Main ausgeschlossen worden war, lehnte er es mit Verweis auf seine Ehre als alter deutscher Frontoffizier ab, jemals als geduldetes Mitglied zweiter Klasse geführt zu werden, und beklagte den Zusammenbruch der an der Front besiegelten Kameradschaft.

In der Pogromnacht am 10. November 1938 stürmte ein nationalsozialistischer Schlägertrupp das Wohnhaus der Familie und verwüstete die Einrichtung. Dr. Schohl wurde verhaftet und für vier Wochen in das KZ Buchenwald verschleppt. Nach seiner Entlassung stand er unter wöchentlicher Gestapo-Meldepflicht. Alle Versuche, Visa für die USA, Großbritannien oder Chile zu erhalten, scheiterten an den damaligen bürokratischen Einreisequoten. Am 31. März 1940 meldete sich die Familie polizeilich ab und floh nach Jugoslawien. Seine pflegebedürftige Mutter Johanna musste in Frankfurt zurückbleiben; sie wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und kam dort um.

Historisches Dokument Protestschreiben 1933

Aus dem Brief an den Führer des Kyffhäuserbundes

„Als in der mörderischen Somme-Schlacht tagelang das Trommelfeuer auf meine Kompanie herunterfegte, da hat wohl keiner der mir unterstellten Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere danach gefragt, ob ich Arier oder Nichtarier bin: alle sahen in kameradschaftlichem Vertrauen auf den Kompanieführer. Und dieses alles sollte heute nicht gewesen sein? Heute soll diese Kameradschaft, bewährt in Blut und Leid, in Not und Gefahr, in Nichts vergangen sein? […] Ich wende mich heute vielmehr an Ew. Exzellenz als alter deutscher Offizier und Kamerad, weil meine Auffassung von dem Begriff der deutschen Kameradschaft ins Wanken geraten ist.“

Hauptmann d. R. a. D. Dr. Max Schohl, Flörsheim am Main, Albanusstraße 2, an den Führer des Kyffhäuserbundes, 6. November 1933

3. Verhaftung in Jugoslawien, Ermordung in Auschwitz & Nachwirkung

Mit dem deutschen Überfall auf Jugoslawien 1941 war auch der Fluchtweg auf dem Balkan abgeschnitten. Nach Verstecken und mehrfachen Festnahmen verhaftete die Gestapo Dr. Max Schohl im August 1943 endgültig. Er wurde in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort am 1. Dezember 1943 ermordet. Der Totenschein gab wahrheitswidrig „Herzmuskelschwäche“ als Ursache an. Ehefrau Liesel sowie die Töchter Hela und Käthe wurden im August 1944 von der Gestapo nach Deutschland verschleppt und überlebten unter Zwangsarbeit in Wiesbaden. Liesel Schohl verstarb 1975, Tochter Hela im Jahr 2000; beide ruhen auf dem jüdischen Friedhof in Flörsheim. Tochter Käthe wanderte in die USA aus und verstarb 2014 in West Virginia. Vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Albanusstraße 2 erinnert ein Stolperstein an Dr. Max Schohl; auf dem früheren Werksareal trägt die Dr.-Max-Schohl-Straße seinen Namen.

Quellennachweis & Archivdokumentation zu dieser Biografie:
  • David Clay Large (Übersetzung: Karl Heinz Siber): Einwanderung abgelehnt: Wie eine deutsche Familie versuchte, den Nazis zu entkommen (Biografische Hauptquelle zur Familie Dr. Schohl)
  • Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW) – Justizakten zum Flörsheimer Gerichtsprozess über die Pogromnacht im November 1938
  • Stadtarchiv Flörsheim am Main (Dokumentensammlung und Schriftwechsel, dokumentiert u. a. durch Peter Becker)
  • Gedenkstätte Yad Vashem (The World Holocaust Remembrance Center, Jerusalem – Central Database of Shoah Victims‘ Names)
  • Bundesarchiv (Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945)
  • Standesamt Flörsheim am Main (Personenstandsregister und Meldeakten)
  • Verein Stolpersteine Flörsheim e. V. (Dokumentation zur ersten Verlegung am 15. Mai 2018)
Porträt Margareta Schick
Opfer der NS-„Euthanasie“ (Aktion T4) • Zweite Verlegung 2019

Margareta Schick

* 5. Juni 1908 in Flörsheim am Main — † 21. Februar 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar

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Recherche & Text: Peter Vogel

Stammdaten zur Person

Geburtsort: Flörsheim am Main
Wohnsitz Flörsheim: Brunnengasse 4 (Elternhaus), Flörsheim am Main
Eltern: Valentin Schick († 1932) und Elisabeth Schick, geb. Stroh
Geschwister: Anna Maria (* 1906, ermordet 1941) und Josef Valentin (* 1909)
Beruf & Tätigkeit: Fabrikarbeiterin (Opelwerke Rüsselsheim, Karosseriebau)
Einweisung Anstalt: 26. November 1933 in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Eichberg (in den Akten als Margarete geführt)
Deportation & Ermordung: 21. Februar 1941 nach Hadamar deportiert und noch am selben Tag ermordet
Gedenkort: Stolperstein vor dem Elternhaus in der Brunnengasse 4 in Flörsheim am Main

1. Herkunft, Familie & Arbeitsleben in Flörsheim

Margareta Schick wurde am 5. Juni 1908 in Flörsheim am Main als zweites Kind von Valentin Schick und Elisabeth geborene Stroh geboren. Zusammen mit ihrer älteren Schwester Anna Maria und ihrem jüngeren Bruder Josef Valentin wuchs sie im elterlichen Haus in der Flörsheimer Brunnengasse auf. Die Familie lebte in einfachen wirtschaftlichen Verhältnissen; nach dem frühen Tod des Vaters im Jahr 1932 musste die Mutter als Witwe allein für den Haushalt aufkommen. Margareta galt als gute Schülerin von stiller und verschlossener Natur. Nach ihrer Schulzeit trat sie eine Arbeitsstelle in den nahegelegenen Opelwerken in Rüsselsheim an, wo sie in der Abteilung Karosseriebau als Fabrikarbeiterin tätig war.

2. Psychische Krise, Stigmatisierung & Einweisung auf den Eichberg

Nachdem ein Liebesverhältnis von ihrem damaligen Verlobten gelöst worden war, veränderte sich Margareta Schicks seelischer Zustand zusehends. Sie geriet in schwere Depressionen und Verzweiflung, drohte sich das Leben zu nehmen und suchte nach Messern. Nach den damaligen rigiden Maßstäben wurde sie als gemeingefährlich eingestuft. Nachdem bereits im Juli 1933 ihre Schwester Anna Maria wegen seelischer Leiden in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Eichberg bei Kiedrich eingewiesen worden war, folgte am 26. November 1933 auch die Einlieferung der 25-jährigen Margareta Schick (in den zeitgenössischen Unterlagen meist Margarete genannt). Auf dem Eichberg geriet sie in die bürokratischen Räder der rassenhygienischen Erfassung: Ärztliche Epikrisen und Meldebögen durchleuchteten die Familie auf vermeintliche erbliche Belastungen, diagnostizierten Schizophrenie und verzeichneten ihre zunehmende Apathie und Arbeitsunfähigkeit – Kriterien, die den NS-Behörden zur rücksichtslosen Selektion dienten.

Historisches Dokument Psychiatrischer Befund

Auszug aus den Krankenakten Eichberg

„Gemütsart der Kranken war still, verschlossen, widerspenstig. In der Schule war sie eine gute Schülerin. Vor zwei Jahren habe die Schick ein Verhältnis gehabt, das von ihrem Verlobten gelöst wurde. Seit dieser Zeit gibt die Mutter an, sei die Kranke seelisch verändert gewesen. […] Sie blieb ununterbrochen in Flörsheim und war nach ihrer Schulzeit als Arbeiterin bei den Opelwerken, in der Abt. Karosseriebau beschäftigt.“

Auszug aus den ärztlichen Berichten und dem psychiatrischen Befundbogen, Heil- und Pflegeanstalt Eichberg

3. Die Ermordung in Hadamar & zynische Vertuschung

Im Rahmen der zentral gesteuerten nationalsozialistischen Krankenmorde („Aktion T4“) wurden Margareta Schick und ihre Schwester Anna Maria am 21. Februar 1941 von der Anstalt Eichberg in die Tötungsanstalt Hadamar deportiert und dort noch am selben Tag durch Giftgas ermordet. Um das Verbrechen und die systematische Tötung zu verschleiern, sandten die NS-Behörden der ahnungslosen Mutter im März 1941 gefälschte Trostbriefe und Sterbeurkunden aus der Anstalt Pirna-Sonnenstein in Sachsen zu. Darin wurde wahrheitswidrig behauptet, die Töchter seien Mitte März an plötzlichen Infektionen verstorben. Erst Nachkriegsrecherchen und erhaltene Akten im Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen legten das Verbrechen offen. Ein Stolperstein in der Brunnengasse erinnert dauerhaft an Margareta Schick.

Quellennachweis & Archivdokumentation zu dieser Biografie:
  • Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen (LWV Hessen, Kassel) – Historische Krankenakte Eichberg
  • Hessisches Staatsarchiv Marburg (HStAM) – Bestand 914
  • Gedenkstätte Hadamar (Dokumentation zu den Opfern der NS-„Euthanasie“ / Aktion T4)
  • Standesamt Flörsheim am Main (Personenstandsregister und Geburtsurkunden)
  • Verein Stolpersteine Flörsheim e. V. (Recherche und Verlegung Brunnengasse 4, Juni 2019)
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